Reminiszenz

Die Entwicklung der Jazzszene in Arnstadt

Eine Reminiszenz von Gerd Walther

Diese Jubiläumsschrift anlässlich des 10. Arnstädter Jazzweekend gibt mir die Gelegenheit, die Entwicklung der Jazzszene aus meiner Sicht, aus Erlebnissen und Erinnerungen heraus zu interpretieren:

Der Jazz, noch keine 100 Jahre alt, hat bis heute viele Wandlungen durchgemacht. Wer sich intensiv mit ihm befasst, ist fasziniert von seinen vielen Stilarten und Spielweisen, die sich im Laufe seiner Geschichte entwickelt haben.

Meine Anfänge

Diese Faszination war es, die auch nach Kriegsende in Arnstadt eine Jazzszene hervorbrachte, bevor wir im Jahr 1953 als „Pennäler“ unter Anleitung unseres Lehrers und Drummers (auch Pianist), Herrn Fritjof Thiele, in einer Schülerband Jazz spielten. Seine damals einzigartige Schelllack-Plattensammlung, seine Jazzerfahrungen sowie das jazzmusikalische Umfeld in Arnstadt mit guten Jazzern wie „Freddy“ Gräfe, Rolf Karber, Heinz Pfaff, „Männe“ Fiedler, Harald Heintschel, Mc Braun u.a. haben uns bald zu einer hörenswerten Band werden lassen, die nicht nur bei den Schülern bekannt war. Heimlich haben wir Jazzsendungen auf verbotenen „Hetzsendern“ wie AFN, Radio Luxemburg gehört, die Jazzthemen registriert und spontan musikalisch umgesetzt, da Tonaufzeichnungen erst später möglich waren.

IG JAZZ in den 50ern

Nicht unerwähnt bleiben darf die Bemühungen einer Interessengemeinschaft Jazz in den 50er Jahren (Roland Schubert/ Kulturbund ), die sich gegen Vorurteile um die Entwicklung einer Jazzszene in Arnstadt bemüht hat. Die Jazzmusik als Weltkulturgut hatte damals in der DDR noch keinen Platz gefunden, für uns kein Hinderungsgrund, unseren Ambitionen erst recht nachzugehen.

Die Musiker

Ich erinnere mich gern an die Jam-Sessions in der Aula des Gymnasiums und im Chema-Clubhaus, die Musiker und Jazzanhänger zugleich zu einer Fangemeinde vereinten. In dieser und nach der Schulzeit existierenden Bands: „Arnstädter Teddys“, „Gerd Kahl-Quintett“ spielten außer mir u.a. J. Waldmann, G. Kahl, G. Hundertmarck, A. Effenberger, H.-J. Starke, M. Seeber, U. Schmidt, S. Foch.

Rundfunkaufnahmen und „Sonderklassen-Einstufungen“ bei Wettbewerben waren der Lohn für unsere intensive musikalische Arbeit, die natürlich auch auf unsere Anhängerschar ausstrahlte und die Arnstädter Musikszene beeinflusste.

Die Vorbilder

Die Auftritte bekannter Jazzbands durften wir nicht versäumen: Louis Armstrong, Albert Mangelsdorf, Walter Dobschinski. Wolfgang Sauer, Rene Dubianski, Schwarz-Weiß-Bigband, Kurt Henkels und vor allem aber die Jazzkonzerte im Hörsaal der Hochschule Ilmenau, die meist ausverkauft waren. Damals verhalfen uns nur gute Beziehungen zu Eintrittskarten und zu unvergesslichen Jazzmusikerlebnissen mit den heute noch bekannten ehemaligen DDR-Jazzern Günther Fischer, Ludwig Petrowski, Klaus Lenz mit denen wir teilweise auch in Arnstadt hautnahen Kontakt hatten. Das waren noch Zeiten, die sich aber in den 60er Jahren änderten.

Der Einfluss der Rockmusik

WARUM? Mit den Beatles, mit Jimi Hendrix und anderen begann eine neue Musikära mit differenzierterer und spontaner Rock- und Popmusik, die ein grosses Publikum begeisterte. Der Jazz wurde zunächst verdrängt. Dies ging auch bei den Jazzern und seinen Anhängern nicht spurlos vorüber. Wir fanden uns in der Tanzmusik wieder, ohne unser Jazzfeeling zu vergessen.

Den begnadeten Beboper Miles Davis und einer jungen Jazzmusikgeneration (Herbie Hancock, Cick Corea, John Scofield und vielen anderen) ist es gelungen, die Jazzmusik mit Rockmusikmustern und Rockinstrumenten zu verbinden und somit zur Weiterentwicklung des Jazz beizutragen. Zugegeben, es fiel schwer, sich an das Neue zu gewöhnen. Wir waren zum „Zuhören“ verurteilt und Uli Fasshauer schwebte im „Hendix-Fieber“. Arnstadts Jazzszene fiel in einen Dornröschenschlaf und wurde erst zur Wende 1989 mit Leben erfüllt.

Nach der Wende

Die Silvesterfeier auf dem Marktplatz ist sicher vielen noch in guter Erinnerung. Spontan gründete sich auf meine Initiative hin die „Jazz-Company“ mit Gerd Kahl, Arnd Effenberger, Frank Basner und Klaus Müller als Gast, die in der Nacht am Bachdenkmal erstmals musizierte. Und von diesen Tage an bemühten wir uns um die Wiederbelebung der Jazzszene. Regelmäßig trafen wir uns mit unseren Anhängern im Kulturbundraum, Markt 12, zu Jazz-Abenden und Jam-Sessions. Wir Arnstädter hatten unseren Jazz wieder!
Ein unbeschreibliches Gefühl erfüllte mich, die Welt des Jazz war wieder greifbar. Ich besuchte bedeutende Jazzfestivals. Erlebnisreiche Jazzweekends in Dillenburg brachten mich auf die Idee, das kulturelle Umfeld in Arnstadt mit ähnlichen Veranstaltungen zu beleben. Ab 1990 konnte ich als Amtsleiter für Kultur im Landratsamt Einfluss nehmen auf das Jazzgeschehen in Arnstadt.

Das 1. Jazzweekend

Verbündete waren schnell gefunden. Der Landrat, Herr Dr. Senglaub, übernahm spontan die Schirmherrschaft über das 1. Jazzweekend, das im September 1992 auf dem Gelände der ehemaligen Felsenkeller-Brauerei stattfand. Jens Richter und „Kaktus“ Sehrt waren die rührigen Ausrichter. Der Erfolg machte Mut, das Jazzweekend jährlich zu wiederholen.

Die Gründung des „Kulturbüro e.V.“ war unerlässlich, um als gemeinnütziger Verein förderfähig zu sein. Jens Richter; Uschi Striegel, Gerd Ostheimer, Günter Merbach und ich, sowie viele fleißige Mitstreiter haben das Jazzweekend zum Dauerbrenner werden lassen.

Jazzkonzerte in der Musikschule in Kooperation mit Dr. Schilbach (Jazz-Map) und den stets für den Jazz aufgeschlossenen Leiter der Musikschule, Herr Dr. Herbert Rahn, sind allen Jazzfreunden sicherlich noch in guter Erinnerung.. Namhafte Bands und Jazzmusiker konnten nach Arnstadt verpflichtet werden, u.a. Abraham Burton, Charles Blenzig, Carla Cook, Cecil Mc Bee, Dusko Goikovic, Stanley Blume Mathias Bätzel u.v.a.

Was ist jetzt ?

Als Mitbegründer und „Leitwolf“ der „Dixie-Syncopaters“ mit J. Westergerling, A. Krause, K. Henniger, R. Petrasch, M. Heyder und U. Bamberger möchte ich die alte Tradition des Jazz wieder hörbar und erlebbar machen. um eine Lücke zu schließen und weitere Jazzfans zu gewinnen. Dies ist uns bisher erfolgreich gelungen.

Nach der Liquidierung des „Kulturbüro e.V.“ nach dem 6. Jazzweekend 1997 hat die IG JAZZ Arnstadt e.V. die Pflege der Jazzmusik auf hohen Niveau übernommen und dies ehrenamtlich, mit großen Engagement und Erfolg. Arnstadt kann stolz sein auf diesen Verein, der die Jazzszene in eine gute Zukunft führt. Als Mitglied dieses Vereins wünsche ich allen Jazzfreunden ein erlebnisreiches 10. Jazzweekend 2002 in Arnstadt!

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