Pressebericht 1956

Zeitungsartikel aus dem Kulturspiegel Arnstadt 1956

Bildung einer Interessen- und Arbeitsgemeinschaft für Jazz im Kulturbund

Das Thema „Jazzmusik“ soll in einer der nächsten Intelligenzaussprachen zur Diskussion stehen. Nun erhielt das Kreissekretariat den folgenden Brief von Roland Schubert, Arnstadt. Als eine Äußerung zum Thema Jazzmusik und als Anregung zur weiteren Wortmeldungen darüber möchten wir unsere Mitglieder mit dem Inhalt des Briefes bekannt machen.

Der Jazz, eine Musik, die vor kurzer Zeit noch allgemein mit verächtlichem Achselzucken abgetan wurde, ja in der Zeit der Unterdrückung durch den Hitlerfaschismus sogar verboten war, hat sich zu einer beachtlichen Macht , auch in der DDR entwickelt. Es ist Tatsache geworden, daß in Leipzig, Halle, Dresden, Magdeburg u.s.w. sich Interessengemeinschaften gebildet haben, die sich mit dem Jazz als Volksmusik der nordamerikanischen Neger befassen. Unter Anleitung des Herrn Dipl. rer. pol. Reginald Rudorf führte der Demokratische Rundfunk eine Sendreihe durch, in der man versuchte, den Jazz in die geistigen Strömungen unserer Zeit einzuordnen, die Entwicklung des Jazz zu erklären und den Jazz als Waffe und Ausdrucksmittel der amerikanischen Neger im jahrzehntelangen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung durch den Kapitalismus unseren werktätigen Menschen verständlich zu machen.

Das soll auch unsere Hauptaufgabe sein. Wir wollen versuchen den Musikfreunden den großen Unterschied zwischen banalen Schlagerkitsch und dem Jazz aufzuzeigen. Wir distanzieren und grundsätzlich von jenen ringelbesockten „Halbstarken“, wie wir sie leider auch in unserer Republik noch häufig antreffen. Wir distanzieren uns von jenen, die bei amerikanischer Tanzmusik in ekstatische Verzückung geraten und im Boogie-Woogie-Tanz ihr höchstes Ideal sehen. Wir wollen Jazzmusik machen, nicht zum Tanzen, der moderne Jazz eignet sich ebenso wenig zum Tanzen wie sinfonische Musik, sondern zum Hören. Wir wollen Vorträge über den Jazz halten, um die bestehenden Irrtümer zu beseitigen, um den krassen Unterschied, der zwischen amerikanischer Tanzmusik und dem Jazz besteht, herauszustellen.

Gerade in der Epoche des Aufbaus des Sozialismus in unserer Republik halten wir Jazzfreunde es für eine Aufgabe, den amerikanischen Negern, Männern und Freiheitskämpfern vom Typ des großen Sängers Paul Robeson oder des Negerschriftstellers Langston Hughes zu helfen, durch Interpretation ihrer Lieder, ihrer Ideen und ihrer Sprache einen kleinen Beitrag zu ihrem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung zu leisten.

Wir haben uns für den Monat Juni 1956 folgendes Programm aufgestellt:

1. Vortrag: Was ist Jazz? (Wesen und Entwicklung des Jazz)
2. Vortrag: Jazz und amerikanischer Schlagerkitsch
3. Diskussionsabend über Jazzmusik
4. Wir beabsichtigen in Arnstadt ein Studio im Geiste der Jazztradition
einzurichten

Wir würden uns sehr freuen, wenn uns von Seiten des Kulturbundes eine gewisse, zumindest ideelle, Unterstützung zuteil würde. Wir lieben die Jazzmusik und wir werden dafür Sorge tragen, daß unsere Interessengemeinschaft nicht zu einem Tummelplatz der „ Halbstarken“ und Sambajünglinge wird.

Im Namen der Arnstädter Jazzfreunde

R. Schubert

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